Dienstag, 24. Juni 2008

Das Karussell

Jardin du Luxembourg

Mit einem Dach und seinem Schatten dreht
sich eine kleine Weile der Bestand
von bunten Pferden, alle aus dem Land,
das lange zögert, eh es untergeht.
Zwar manche sind an Wagen angespannt,
doch alle haben Mut in ihren Mienen;
ein böser roter Löwe geht mit ihnen
und dann und wann ein weißer Elefant.

Sogar ein Hirsch ist da, ganz wie im Wald,
nur dass er einen Sattel trägt und drüber
ein kleines blaues Mädchen aufgeschnallt.

Und auf dem Löwen reitet weiß ein Junge
und hält sich mit der kleinen heißen Hand
dieweil der Löwe Zähne zeigt und Zunge.

Und dann und wann ein weißer Elefant.

Und auf den Pferden kommen sie vorüber,
auch Mädchen, helle, diesem Pferdesprunge
fast schon entwachsen; mitten in dem Schwunge
schauen sie auf, irgendwohin, herüber -

Und dann und wann ein weißer Elefant.

Und das geht hin und eilt sich, dass es endet,
und kreist und dreht sich nur und hat kein Ziel.
Ein Rot, ein Grün, ein Grau vorbeigesendet,
ein kleines kaum begonnenes Profil -.
Und manchesmal ein Lächeln, hergewendet,
ein seliges, das blendet und verschwendet
an dieses atemlose blinde Spiel . . .

(Rainer Maria Rilke)




Der weisse Elephant

Einleitung

„Das Karussell“ von Rainer Maria Rilke entstand im Juni 1906 und wurde zuerst 1907 in dem Band „Neue Gedichte“ veröffentlicht. Der Untertitel weist auf den Jardin de Luxembourg hin, einen heute staatlichen Schloßpark im 6. Arrondissement in Paris. Rilke schrieb dieses Gedicht während seines zweiten Paris-Aufenthalts von 1905 bis 1914, während dieser Zeit hat er unter anderem als Sekretär Rodins gearbeitet, eine Tätigkeit, die sein dichterisches Schaffen stark beeinflußt hat, und sich auch in diesem Werk äußert, das Rilkes Dinggedichten zugeordnet werden kann. Inhaltlich konfrontiert es die Perspektive des erwachsenen Betrachters mit der phantasievollen Welt der Kinder, und die Rolle des Dichters, die als ein Vermittler verstanden werden kann.

Form des Gedichts

In dem Gedicht wird in sieben Strophen unterschiedlicher Länge ein Kinderkarussell beschrieben, das sich in einem Park, dem Jardin de Luxembourg, dreht. Gegenstand und Ort werden bereits in der Überschrift geliefert. Die folgende formale Umsetzung spiegelt in künstlerisch herausragender Weise die inhaltliche Ebene wider.

So ist die erste Strophe, in der sich das Karussell noch langsam dreht, die formal längste. In acht Versen mit dem Reimschema A-B-B-A-B-C-C-B wird eine sprachliche, durch den wechselnden Paarreim ansteigende Kreisbewegung initiiert, welche bis zum Ende das Tempo des Gedichts bestimmt. So sind die ersten fünf Verse fünfhebige Jamben mit männlicher Kadenz, während die Verse 6 und 7 weiblich enden, als würden sich die Tiere des Karussells in die Luft heben, bevor mit dem Auftauchen des weißen Elefanten der Wechsel von männlicher und weiblicher Kadenz regelmäßig wird, und die Regelmäßgkeit erst am Ende des Gedichtes wieder durchbrochen wird, als die Geschwindigkeit am größten wird.
Die Drehbewegung wird zunächst durch Enjambements und ab der zweiten Strophe auch vermehrt durch die Wiederholung der Konjunktion „und“ verstärkt.
Während sich die erste Strophe mit dem rein gegenständlichen Objekt des sich drehenden Karussells beschäftigt, erwachen in den Strophen 2 und 3, welche jeweils dreizeilig sind, auch die Kinder auf den Karusselltieren zum Leben, ein blaues Mädchen und ein weißer Junge.

Die Versendung im zehnten Vers bleibt dabei zunächst offen und wird erst in Strophe 5 wieder aufgegriffen. Diese Strophe besteht aus vier Versen, auch als Zeichen, dass es sich bei dem Mädchen um ein älteres, fast schon dem Karussell entwachsenes handelt. Zusammen mit den einrahmenden Versen, die den weißen Elephanten in schneller-werdender Bewegung vor dem Auge des Betrachters entlangziehen lassen, könnte man den Mittelteil des Gedichtes auch zu vier Strophen mit jeweils drei Versen zusammenfassen und das Reimschema A-B-A C-D-C D-E-B B-E-D erhalten, so dass die Reime wie die Köpfe der unterschiedlichen Tiere vorüberziehen.

Die 7. Strophe wendet sich schließlich wieder dem Karussell zu, hebt sich allerdings inhaltlich von dem reinen Dinggedicht ab und einem Lyrischen Ich zu, das zwar verborgen bleibt, dem jedoch Farben „vorbeigesendet“ und ein Lächeln „hergesendet“ werden, und zwar in der selben kreisenden Bewegung, mit welcher das Karussell beschrieben wurde, und mit zunehmender Geschwindigkeit, welche durch die Reihung von Konjunktionen, die Aufzählung der Farben und Bewegungsverben erreicht wird. Das Reimschema A-B-A-B-A-A-B unterstützt diesen Effekt.

Am Ende stehen schließlich drei Punkte, als Zeichen, dass sich das „atemlose blinde Spiel“ über die Grenzen des Gedichts in jenen achten, fehlenden Vers hinaus unendlich fortsetzt.
Sprachliche Form
Auf sprachlicher Ebene wird das Karussell ebenfalls in aller Deutlichkeit präsentiert. Die Pferde, die aus einem Lande kommen, „das lange zögert, eh es untergeht“, beschreibt pointiert den Umstand der optischen Bewegung der Tierfiguren auf der Kreisbahn, die zunächst schnell vorüberziehen und dann scheinbar auf der Stelle stehen, während sie sich nach hinten bewegen, bevor sie schnell hinter dem Karussel verschwinden.

Besonders auffallend ist der weiße Elefant, der in seinem Vers sehr sperrig daherkommt und das Gedicht durch sein wiederholtes Auftauchen sicht- und hörbar gliedert. Zwischen den Pferden, dem Hirsch und dem roten Löwen kommt er auch farblich auffällig daher. Nur der weiße Junge scheint ihm irgendwie zu ähneln; der reitet aber lieber, vertieft in sein Spiel, auf dem roten Löwen, im Gegensatz zu den weiblichen Kinder-
fi­guren aktiv in seine Umgebung eingreifend.
Weiße Elefanten sind in Thailand noch heute heilige Tiere und allein Königen vorbehalten. Auf dem
Ka­russell aber scheinen sie einsam, fast unbeachtet ihre Bahn zu ziehen, fremde Exoten, deren Wert unbekannt bleibt.

Bis hin zur letzten Strophe entsteht ein Gesamtbild aus zunächst additiv aneinandergereihten Details, die einerseits für sich stehen, sich dann aber zu einem Gesamtbild aus Farbimpressionen, Bewegungen, auf­blitzendem Lächeln vermischen. Durch das Einbeziehen eines abseits stehenden Lyrischen Ichs wird die Blickrichtung am Ende schließlich auf die symbolische Ebene gerichtet.

Das Gedicht wird von vier Arten von Menschen bevölkert: dem blauen Mädchen in Strophe 2, das noch „festgeschnallt“ ist, versunken in der Phantasie; dem weißen Junge in Strophe 3, der mit der „heißen Hand“ aktiv in seine Phantasiewelt eingreift; die jungen Mädchen, die eigentlich schon zu alt sind und denen das Abtauchen in die Phantasie-Welt nicht mehr gelingt und die statt dessen aufschauen, „irgendwohin, herüber -“ in die Welt der Erwachsenen; und schließlich dem Lyrischen Ich, das außerhalb des Kreises steht und sieht, wie das Karussell sich dreht, immer schneller, ohne ein Ziel. Leben und Karussell stehen in diesem Zwiespalt zwischen lebendiger Kinderwelt und dem blinden Spiel der Erwachsenen.

Schluss

Das Lyrische Ich erkennt die Welt, außerhalb des Kreislaufes stehend, als Blendwerk, als noch zu formendes, „kaum begonnenes Profil“. Es befindet sich zugleich aber auch innerhalb des atemlosen Spiels, gespiegelt zum einen in dem weißen Elefanten, der wie ein Blatt Papier als Projektionsfläche von herrschaft­lichen Träumen und Sehnsüchten dient, zum anderen auch in dem weißen Jungen, welcher, während der Löwe ihm Angst macht, sich dennoch mit einer Hand festhält. Von den Farben, dem fremden Glück, einem Lächeln geblendet, letztendlich aber nicht getäuscht, bleibt der Dichter jener, der die Welt mit den Augen der Kindheit betrachtet, sie letztendlich durch die Form des Gedichts aber aktiv am Untergehen hindert.

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